Tätigkeitsbericht 2011
Bei der Ausarbeitung dieses Berichts habe ich mich von den Überlegungen innerhalb der deutschen Kirche (vergl. Wort der deutschen Bischöfe an die Gemeinden, 17.03.2011) und den Beiträgen der Gebietsreferenten leiten lassen.
Dabei lehne ich mich an das Thema an, das die Bischöfe für das Jahr 2011 vorgeschlagen haben: „Im Heute glauben: wo stehen wir?“ und das wir in einem Seminar dieses Jahr im Juli in Mannheim beraten haben.
„Wo stehen wir?“, fragt sich die Kirche in Deutschland. „Wo stehen wir?“, fragen sich die Missionare und deren Gemeinden.
Mit diesem Bericht wollen wir einen Beitrag leisten zu dem, was unser „Heute“ ausmacht, und dabei die Gegenwart und den Weg, den die Kirche gehen soll, realistisch betrachten.
Die Zeit in der wir leben
Einige Daten aus dem Jahr 2010 können uns helfen zu erkennen, in welcher Situation sich die Kirche derzeit befindet.
Kirchenaustritte: 181.193, d.h. 60.000 mehr als im Vorjahr. Die 170.339 Taufen gleichen diese Zahl nicht aus, hinzu kommen 253.000 Todesfälle, die den negativen Trend noch verstärken. Noch nie zuvor in der Deutschen Geschichte war die Zahl der Katholiken so niedrig, wir haben es also mit einem historischen Tiefstand zu tun.
Diese massenhaften Kirchenaustritte, der Rückgang der Taufen, die rückläufige Zahl der Gottesdienstbesucher, die fehlenden Berufungen zum Priesteramt – schreibt ein katholisches Wochenblatt – werden kaum wahrgenommen, scheinen keine Probleme zu machen, all das wird beinahe als natürlich gegeben angesehen. (vgl. CidG Nr 32/2011)
Und wie sieht es in den italienischen Gemeinden aus? Wo stehen wir innerhalb der Kirche? Sind wir einen Weg der Integration, Partizipation und der Communio gegangen?
Papst Johannes Paul II schrieb in seiner Botschaft zum Tag des Migranten im Jahr 1985, so wird im Bericht der Region Baden zitiert: „ Die Migrantengläubigen müssen in der Ausübung ihres Rechtes Partikularkirchen zu sein in der Gemeinschaft mit der ganzen Kirche und im Bewußtsein mit allen Christen geschwisterlich verbunden zu sein, selbständig bleiben was die Pflege ihrer Sprache, Kultur, Litugiegestaltung, Spiritualität, besondere Traditionen anbelangt, um die kirchliche Integration zu erreichen, die die Kirche Gottes bereichert“.
Ist dieser Text auch 50 Jahre nach der großen Einwanderungswelle der Italiener noch aktuell, zu einem Zeitpunkt da die Kirche in Deutschland davon ausgeht, dass das Kapitel der Zuwanderung abgeschlossen ist, zumindest für einige Gruppen? Macht es noch Sinn und ist es noch zeitgemäß die unterschiedliche Identität zu verteidigen, da es immer weniger italienische Priester gibt und angesichts der Entscheidungen, die die Kirche in Italien getroffen hat? Wie müssen wir auf Grund dessen unsere Pastoral gestalten?
Welche Art von Pastoral?
Einige Daten hierzu: am 31.12.2010 waren für 517.546 Italiener 70 Missionare (20 von ihnen in Teilzeit), 4 Diakone, 18 Ordensschwestern und 28 pastorale Mitarbeiter tätig. Das Durchschnittsalter der Missionare ist 68 Jahre.
Alle sind sich darüber einig, dass die Phase des Notstandes überholt ist, auch wenn darauf hingewiesen wird, dass die Kirche an sich immer in einer Art Ausnahmesituation lebt, „da sie seit über 2000 Jahren auch mit dem Verfall und der Widersprüchlichkeit zu kämpfen hat“.
Es wird unterstrichen, dass es keine einheitliche Pastoral gibt, sondern viele Arten Pastoral zu betreiben. Es gibt jedoch Grundlinien, die mit der Zeit in Verbindung mit anderen Erfahrungen in der Pastoral und unter Berücksichtigung der Anweisungen der jeweiligen Diözesen von den Missionaren entwickelt wurden.
In einigen Gemeinden gibt es eine zeitlich ausgedehnte Pastoral bezüglich der Initiationssakramente. Gleichwohl „ist es auffallend, dass diese nicht mehr so zeitgemäß ist, denn es nehmen nur wenige daran teil und durch den Generationenwechsel geht man mehr und mehr dazu über, die Kinder und Jugendlichen an die Ortsgemeinden zu verweisen“ (Westfalen).
Wir müssen uns deshalb fragen:
- ob eine traditionelle Pastoral überhaupt noch vertretbar ist, angesichts der Tatsache, dass sich über kurz oder lang alles in die Ortsgemeinden verlagert
- welches die konsequentere Entscheidung ist, im Blick auf das
spirituelle Wohlergehen der Italiener.
Der Bericht der Hansestädte unterstreicht den Stellenwert der Pastoral, die man fälschlicherweise „Einzelfallpastoral“ nennt und die in vielen Gemeinden sehr stark ausgeprägt ist. Es handelt sich dabei um: Unterstützung und Begleitung von Kranken und Häftlingen, um Beerdigungsdienst und Trauerbegleitung, um Begleitung von Ehepaaren in Krisensituationen, etwa bei Erziehungsproblemen, bei Glaubenskrisen, Beziehungskrisen und auch finanziellen Nöten. Es handelt sich also immer um die gegenwärtige Situation, die aktuelle Notlage und die bloße Anteilnahme gibt der Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurück.
Zeit der Krise, Zeit der Gnade
Das Thema der Krise bildet den Schwerpunkt des Wortes der Bischöfe an die Gemeinden und auch die Missionare des Gebietes Nordrhein befassen sich damit.
Ersteres spricht von einer Übergangssituation, in der wir uns befinden und den Herausforderungen stellen müssen, die daraus resultiert, dass Religion und Glaube in einer sekularisierten Gesellschaft eine andere Rolle spielen und in deren Kontext das, was früher als normal und tragend für die Gesellschaft angesehen wurde, in Frage gestellt wird.
Krisenzeiten sind aber in irgend einer Form auch Zeiten der Gnade. Sie fordern uns heraus, uns auf das Wesentliche zu besinnen, in uns zu gehen und den Mut aufzubringen, koherente Entscheidungen zu treffen. In Krisenzeiten entsteht oft das „Neue“, das man aus den Augen verloren hatte.
Die Missionare des Gebietes Nordrhein haben sich ebenfalls zum Thema Krise geäußert. Ich zitiere einige Sätze. „Wenn wir sehen, welche Kürzungen uns in den letzten Jahren ins Haus standen, können wir erkennen, wie die göttliche Vorsehung uns durch eine dunkle Schlucht führt, wir etwas verlieren und neue Schwerpunkte setzen müssen, ohne „Unheil fürchten zu müssen“. Wahrscheinlich müssen wir lernen die Ereignisse innerhalb der Kirche oder nach Außen hin nicht als Verschwörungen einer sich in der Rezession befindlichen Multinationalen zu sehen sondern als Aufforderung zur Umkehr aus dem Evangelium heraus…
Den Prozess des Loslassens, von dem auch wir betroffen sind, aus diesem Blickfeld zu betrachten, müsste uns das nicht mit Freude erfüllen? Sich die spirituelle Fähigkeit zu erwerben, auch einmal der Verlierer zu sein, könnte damit eine Variante der Umkehr werden. Es ist ein Aufruf, uns dem Kairos zu stellen und die Unterscheidung zwischen dem was Ewig ist und dem, was nur unsere Geschichte ausmacht neu auszurichten.
Kann dies dann nicht das Kairos sein, das uns unsere Sendung zur Verbreitung der Frohen Botschaft neu ins Bewusstsein ruft, uns und alle Christen durch neue Fortbildungswege dazu befähigt?
Evangelisierung
Dies ist die Zeit in der der Heilige Geist uns aufruft unsere ganze Kraft in die Evangelisierung zu stecken. Das unterstreichen vor allem die Missionare aus dem Raum Hessen. Ich greife einige Punkte auf:
„Die Pastoral für unsere Gemeinden muss immer stärker die Evangelisierung in den Blick nehmen. Das Wichtigste dabei ist es offen zu sein für das Wirken des Geistes, und so Werkzeug für die Verinnerlichung des Evangeliums zu werden…
Das Evangelium ist keine Lebensphilosophie oder Kultur, es gleicht vielmehr einer Person, der man begegnet, die man kennen und lieben lernt, die man anderen näher bringt, so dass sie sich ihrerseits verlieben. Die bisherigen Methoden der Pastoral muss man nicht über Bord werfen, aber den neuen Gegebenheiten anpassen und vor allem mit Leben und Hoffnung füllen… sie reichen jedoch nicht mehr aus, besser gesagt, sie müssen durch neue ergänzt werden, die dazu beitragen, das Wort zu verstehen und demzufolge den Einzelnen und den Gemeinden zu helfen aus dem Evangelium zu leben.“
In diesen Bereich gehören die Bibelkreise, die Fortbildungen und die Einkehrtage, die Theologiekurse und die Tagung der Laien. Darüber hinaus gibt es die Gebetskreise und die charismatischen Bewegungen, „die die Menschen auch über die offiziellen Gemeindetreffen hinaus zusammenführen“.
Die von der Delegation veranstalteten Initiativen gilt es unter diesem Aspekt zu beleuchten: die Nationaltagung, die Exertitien, die Tagung der Ehrenamtlichen, das Jugendmeeting. All diese Veranstaltungen zielen darauf ab, dass wir uns vom Heiligen Geist leiten lassen und uns auf eine Spiritualität einlassen, durch die wir gewinnen auch wenn wir zu verlieren scheinen, dass wir Christen heranbilden, die von ihrer Hoffnung Zeugnis geben.
Dass diese Treffen gefragt und wichtig sind zeigen uns die Rückmeldungen, die wir nach dem diesjährigen Ehrenamtlichentreffen und dem Jugendmeeting in Mainz erhalten haben.
Schlussbemerkung
Wir haben die Hoffnung dass die Kirche in den kommenden Jahren dank des Dialogprozesses, den die Bischöfe angestoßen haben, in sich geht und die Fähigkeit hat, sich mit ihrem eigentlichen Auftrag auseinanderzusetzen. Dies wird dann möglich sein, wenn wir die Probleme im Gebet angehen und nicht die Vermessenheit haben, sie um jeden Preis lösen wollen.
(vgl. Anzeiger für die Seelsorge Nr. 7/8 2001, S. 35)
